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Zusammenfassung

Kleine Ur- und Frühgeschichte des Bergells

Jürg Rageth

Das Bergell gehört zweifellos nicht zu den archäologisch besonders reich dotierten Talschaften Graubündens, was vielleicht damit zusammenhängen könnte, dass manche ur- und frühgeschichtliche Fundstellen und auch Einzelfunde mehrere Meter tief unter Bergsturzmaterial oder Rüfeschutt liegen könnten oder dass das Tal forschungsmässig etwas weit von Chur entfernt liegt.

Umso erstaunlicher ist aber, dass es im Val Forno einen mesolithischen Fundplatz gibt, der heute einer der ältesten Fundplätze Graubündens ist. Aus der Jungsteinzeit ( 5500 – 2000 v.Chr.) gibt es nur eine einzelne Silexklinge und aus der Bronzezeit ( 2000 – 800 v.Chr.) lediglich einige wenige Einzelfunde und Spuren bronzezeitlicher Siedlungen (Bondo, Promontogno-Castelmur und Soglio, Dorf). Etwas reichhaltiger werden die Funde während der Eisenzeit (800 – 15 v.Chr.). Von Soglio-Spino ist schon längst ein potentielles Grabinventar der älteren Eisenzeit bekannt und von Coltura, Motta di San Pietro und von Vicosoprano, Caslac gibt es Überreste von jüngereisenzeitlichen Siedlungen.

In der Römerzeit (89 / 15 v.Chr. – 476 n.Chr.) beginnt sich die archäologische Fundsituation zu verdichten. Seit längerer Zeit ist in Promontogno, Castelmur eine vorwiegend spätrömische Siedlung mit interessanten baulichen Strukturen (mehrere Gebäude, z.T. mit Hypokaust) bekannt. Dass es sich dabei um die im Itinerarium Antonini Augusti erwähnte Station „Murus“ handelt, ist naheliegend. Ganz besonders interessant sind zwei kleine Altärchen mit Inschriften, die dem „Mercurius Cissonius“ geweiht sind, einer Gottheit, die von den Wagenlenkern und Reisenden verehrt wurde, was beweist, dass die römische, mit Wagen zu befahrende Strasse durch Murus hindurch führte.

Eine frührömische Siedlung wurde in Bondo-Dorf, in unmittelbarer Nähe der Kirche, gefasst und eine weitere römische Siedlung des 2. – 4. Jh. n.Chr. befand sich in Soglio, Dorf. Und auch auf dem Crep da Caslac oberhalb Vicosoprano dürfte sich eine spätrömisch-frühmittelalterliche befestigte Siedlung befunden haben. Interessant bleiben auch ein kleines, unbeschriftetes Altärchen und mehrere Münzfunde, die unmittelbar oberhalb des Dorfes von Vicosoprano gefunden wurden.

Weitere römische Funde wurden auch in Coltura, Motta di San Pietro und mehrere römische Münzen in Maloja entdeckt. Der berühmte Sarkophag oder „Masso Avello“ von Stampa datiert höchstwahrscheinlich in spätrömische Zeit. – Von grösster Bedeutung ist auch die von A. Planta entdeckte römische Wagenrampe im Malögin, die interessante Aufschlüsse zum römischen Wagenverkehr erlaubt.
Und auch das neuentdeckte frührömische Militärlager vom Septimerpass (Gemeinde Bivio), das im Zusammenhang mit dem Alpenfeldzug des Kaisers Augustus von 16/15 v.Chr. angelegt und später während weniger Jahrzehnte noch weiter benutzt wurde, gibt interessante Aufschlüsse einerseits zur Begehung des Septimerpasses in der späten Eisenzeit und in römischer Zeit und andererseits auch zur Rolle des Bergells als Durchgangstal in römischer Zeit. Es liegt nahe, dass die römischen Truppen mit mehreren hundert oder gar mit tausend Mann und mehr zur Zeit des Alpenfeldzuges und auch später von Como aus durchs Bergell über den Septimerpass nach Nordbünden und bis in den Bodensee-Raum gelangten. Später – wohl nach der Mitte des 1. Jh. n.Chr. – wurde die römische Fahrstrasse über den Maloja und den Julierpass erstellt, was zumindest zu einer gewissen Verlagerung des Güterverkehrs auf die Julierroute führte. Der Septimerpass wurde aber auch später, nach dem Bau der Julierstrasse, weiterhin begangen, da die Strecke von Casaccia nach Bivio weit kürzer, d.h. praktisch halb so lang wie jene über den Maloja- und Julierpass ist.

Zum Abschluss noch kurz eine Bemerkung zu den Schalen- und Zeichensteinen. Aus dem Bergell sind heute gegen 40 Schalen- und Zeichensteine bekannt, auf die wir im Rahmen der vorliegenden Publikation nicht alle einzeln eingehen können. Während frühere Autoren diese Steine grösstenteils in urgeschichtliche Zeit datierten, versuchen heutige Autoren aufzuzeigen, dass es zwar urgeschichtliche Schalensteine gibt, aber dass solche Steine auch durchaus ins Mittelalter und die frühe Neuzeit datieren können.
 

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Statements

Manuel Gasser

In diesem Verstande ist Alberto Giacometti nicht nur ein typischer, sondern auch ein guter Bergeller. Ein so typischer und guter Bergeller, dass man, des bin ich sicher, seine Kunst und Geisteshaltung erst dann versteht, wenn man das Bergell und Giacomettis Dorf Stampa kennt.
Manuel Gasser (1909-1979), Chefredaktor des Kulturmagazins „Du“ , Februar 1962