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"La Mota", San Pietro

San Pietro ist der Name der auf der Kuppe des “La Mota” genannten Hügels gebauten Kirche, welche westlich von Coltura gelegen ist. Der heutige Bau, von beachtlicher Grösse, wurde 1743 erbaut. Die Holzkanzel ist vom Vorgängerbau übernommen worden, der bereits zu Beginn des 16. Jahrhunderts an derselben Stelle stand. Im südlich des Chors platzierten Kirchtrum befinden sich drei Glocken, die aus den Jahren 1492, 1630 und 1717 datieren.
Der Name des Patrons der Kirche, San Pietro, tritt häufig in Zusammenhang mit Festungen auf und lässt einen älteren Ursprung vermuten, wahrscheinlich aus der romanischen Periode.
Von grosser kunsthistorischen Bedeutung ist das Gemälde "Der Morgen der Auferstehung" von Augusto Giacometti (1877 - 1947) an der Rückwand der Apsis aus dem Jahr 1915. In jenem Jahr verliess Augusto Giacometti definitiv Florenz, um sich in Zürich nieder zu lassen. In jenem bedeutenden Übergangsmoment schenkte Augusto seinem Tal eine biblisch-sakrale Darstellung, die aus seinem natürlichen Gefühl von heilig und himmlisch hervorgeht.




Motta von San Pietro, eine Siedlung aus dem Altertum
Auf der Hügelkuppe San Pietro sind Reste einer eisenzeitlichen Siedlung und Fundstücke aus der Römerzeit gefunden worden. Der bedeutendste Fund bildet eine bronzene sogenannte Krebsschwanzfibel. Weitere Fundobjekt aus Bronze sind ein Bügel einer Fibel vom Typ Ornavasso sowie eine Fibelfeder mit 6 Spiralen. Unter der Keramik gibt es ein Fragment mit feiner Einstichverzierung unterhalb des Randes. Dann gibt es Keramikfragmente mit gekehltem, abgestrichenem Rand, Keramik mit Rillenverzierung und Gefässe mit eingezogenem Hals (für weitere Details siehe das Buch von Jürg Rageth).
Den gesamten Fundkomplex von Coltura, Motta di San Pietro datieren die Archäologen schwerpunktmässig ins 3./2.Jh. v. Chr., wobei nicht ausgeschlossen werden kann, dass die Besiedlung schon im 5./4. Jh. v. Chr. begann. Die eisenzeitliche Siedlung, die sich auf der Motta di San Pietro befand, dürfte aber wohl nur einige wenige Wohn- und vielleicht auch Speicherbauten umfasst haben. Einzelne Funde, wie z.B. zwei Lavezspinnwirtel und diverse Keramikfragmente zeigen auf, dass die Hügelkuppe noch in römischer Zeit besiedelt oder zumindest begangen war.

Doch der Hügel Motta von San Pietro könnte noch umfassender genutzt worden sein. Darauf verweisen kürzlich identifizierte "Zyklopenmauern" - möglicherweise Befestigungsmauern - und Terrassierungen hin. Das früher genutzte und gerodete Gebiet, von regionaler archäologischer Bedeutung, ist durch das Einwachsen sowie das weitere Abrutschen der Mauersteine entlang des steilen Berghanges ernsthaft gefährdet. Es wäre sinnvoll, hier eine archäologische Grabungskampagne durchzuführen, um die Entwicklung der alten Besiedlung am Übergang zwischen dem Engadin und der Po-Ebene zu erforschen.




Ein kleines Wasserkraftwerk für Stampa

Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges modernisierte Stampa die Beleuchtung der Wohnhäuser. Die Gemeinde realisierte also ein elektrisches Wasserkraftwerk im südlichen Bereich des Hanges von San Pietro. Der Maschinenraum, mit Turbine und Generator, wurde nur wenige Schritte vom Ufer des Flusses Maira erstellt, an einer wenig zugänglichen und abgelegenen Stelle. Aus diesem Grund ergänzte man den Bau mit einer bescheidenen Wohneinheit für den Maschinisten, der hier mit seiner Familie wohnte. Der erste Anlagechef war Rodolfo Giacometti (1898 - 1967), der spätere Wirt im Restaurant Piz Duan in Stampa; im Wasserkraftwerk-Gebäude ist denn auch seine erste Tochter geboren. Zeitzeugen erinnern sich daran, wie empfänglich die Anlage für technische Störungen war, als Folge von starken sommerlichen Regenfällen, die zur Verstopfung des Wasserkanals auf Ebene der Wasserfassung führten. Dank dem elektrischen Wasserkraftwerk konnte von Adolfo Fasciati jun. eine erste kleine Sägerei mit einem Elektromotor betreiben.
Der Maler Giovanni Giacometti (1868 - 1933), besonders engagiert auch in sozialen und politischen Angelegenheiten auf lokaler Ebene, war zeitweise Präsident der elektrischen Kommission der Gemeinde Stampa und als solcher politischer Verantwortlicher des Wasserkraftwerks von Motta di San Pietro. Auch Gottardo Segantini (1882 - 1974) ist Mitglied dieser Kommission gewesen.
Heute noch erinnern einige Industrie-Ruinen im dichten Laubwald des Hügels von San Pietro an das kleine Gemeindewerk, das Licht in die Häuser von Stampa brachte. Etwas mehr als drei Jahrzehnte später erfolgte der Quantensprung mit der Realisierung der Wasserkraftwerke EWZ der Stadt Zürich, die nicht nur Strom in ausreichender Menge sowie Wohlstand, sondern auch Schutz vor Hochwasser brachten.




Der Hügel, Rest eines alten Bergsturzes

Auch aus einem vierten Grund ist San Pietro ein Ort von besonderer Bedeutung: aus dem Blickwinkel der Geomorphologie. Tatsächlich stellt der Hügel die Reste eines grossen Bergsturzes dar, der in vorgeschichtlicher Zeit vom Berghang auf der linken Talseite herunter donnerte. Die Abbruchstelle ist in der darüber liegenden Felswand heute noch gut sichtbar. Der natürliche Steindamm staute das Wasser an dieser Stelle auf, was östlich davon zur Terrassenbildung beitrug. Die Gletscher und die Fliessgewässer haben in der Folge nach und nach Teile des Schuttmaterials weggetragen. Links an San Pietro vorbei grub sich der Fluss Maira einen tiefen Durchgang im Gebiet des Sasc Tacà und des Waldes von Campac.
In diesem Bereich fand Augusto Giacometti eine bevorzugte Stelle, um Fliessgewässer und Blumen zu malen, die auf Steinunterlage wachsen.
Am abgerundeten Hügel von San Pietro liegen unzählige, teilweise gigantische Steinblöcke, die aus metamorphen Gesteinen bestehen (Granitgneis). Alberto Giacometti (1901 - 1966) ist von den grossen herumliegenden Steinen beeindruckt gewesen.
Inspiriert von der ausserordentlichen Initiative im Val Masino (Melloblocco) hat eine Gruppe von örtlichen Bergsteigern bei San Pietro den Boulder-Park von Stampa eingerichtet. Das Klettern auf Steinen, die nur wenige Meter hoch sind, besser bekannt als Bouldering, ist in grosser Entwicklung; die Anzahl der Kletterer wächst kontinuierlich. Der Boulder-Park von San Pietro besitzt ein Ausbaupotenzial und sollte weiter gefördert werden.

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Roger Fayet

Stampa und das Bergell bildeten den fortwährenden und verbindenden Bezugspunkt für vier der bedeutendsten Schweizer Künstler: Giovanni, Augusto, Alberto und Diego Giacometti. Diese historische Konstellation und das heute noch erhaltene Atelier eröffnen zusammen mit dem Bestand der Werke in der Ciäsa Granda die einmalige Chance, das im Kontext des Bergells stehende Schaffen aller vier Künstler einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen. Das Schweizerische Institut für Kunstwissenschaft (SIK-ISEA) begegnet der Initiative mit grosser Sympathie und freut sich darauf, die Aktivitäten zum Aufbau des Centro Giacometti wissenschaftlich zu unterstützen.

Dr. Roger Fayet, Direktor des Schweizer Institutes für Kunstwissenschaft, Zürich, 25.5.12