Atelier Giacometti

Das Atelier Giacometti war bis 1906 einer von vielen Ställen im Dorfzentrum von Stampa. Im Obergeschoss lagerte ursprünglich das auf den Wiesen um Stampa geerntete Heu für die Fütterung des Viehs, das im Erdgeschoss gehalten wurde.
Der Heuboden dieses Gebäude wurde in einfacher Weise zu einem Atelier umgebaut. Er diente als Arbeitsraum für den Maler Giovanni Giacometti sowie für seinen weltberühmt gewordenen Sohn Alberto.
Der Einzug der Familie Giacometti
Bis anfangs Oktober 1904 wohnte Giovanni Giacometti mit seiner Frau Annetta sowie den Kindern Alberto, Diego und Ottilia im Haus Ca d’Dolf in Borgonovo. Leider war die Familie gezwungen, diese angenehme Wohnstätte zu verlassen. Zunächst bezog sie in Stampa das zweite Geschoss des ehemaligen Hotels Piz Duan, das Geburtshaus von Giovanni und Eigentum seines jüngeren Bruders Otto (1883-1925).
Giovanni hätte gerne in Soglio gelebt. So schrieb er im Brief vom 1. Oktober 1904 seinem Freund Cuno Amiet: „ ... am Nachmittag gehen wir nach Soglio, wo wir eine baldige Bleibe in Aussicht haben. Dort hätten wir das ganze Jahr Sonne; es handelt sich wirklich um eine schöne Lage.“
Offensichtlich ist der Häuserkauf in Soglio nicht zustande gekommen. Wer weiss, wie sich die Kunstwerke von Giovanni und Alberto entwickelt hätten, wäre dieser Umzug zu Stande gekommen!
Bald ergab sich aber eine Lösung in Stampa. Am 25 Oktober 1905 schrieb Giovanni seinem Freund Amiet: „Wir haben auf einen Schlag das Problem mit dem Atelier gelöst. Besser gesagt, der Zufall hat es für uns gelöst. Vielleicht erinnerst Du Dich an das rote Haus in Stampa, das auf unseren Garten ausgerichtet ist und den Stall gegenüber dem Hotel Piz Duan. Beides konnte von Otto für Fr. 7'600 ersteigert werden. Wir haben uns entschieden, das Haus zu beziehen. Aus dem Stall soll ein sehr schönes Atelier entstehen.“
Sanfte Umnutzung
Ein befreundeter Architekt wurde beauftragt, ein Atelier mit horizontalen Dachfenstern zu planen. Aus finanziellen Gründen konnte dieses Projekt nicht realisiert werden. Der Umbau wurde deshalb von einem Schreiner aus Borgonovo nach Plänen von Giovanni ausgeführt.
„Ich werde einen schönen, sonnigen Raum bekommen“, schrieb der Künstler.
Die Umbauarbeiten für einen einzigen Raum von 5m x 8m ohne oberes Tageslicht wurden Ende Oktober 1906 für weniger als Fr. 1'000 beendet. Zu einem Preis, den die Eidgenossenschaft damals für einzelne illegal aus dem Aostatal geschmuggelte Steinbockkitze zahlte, die im Wildpark Peter und Paul in St.Gallen zur Wiederansiedlung des Steinbocks in den Schweizer Alpen aufgezogen wurden!
Giovanni möblierte den Raum umgehend, installierte Beleuchtung und Heizung und bemerkte: „Es ist eine Freude darin zu arbeiten. Ich habe genug Platz, Licht und Wärme. Der Ofen ist vorzüglich“.
Im Jahr 1907 schaffte er sich eine Druckmaschine an, mit der er grafische Arbeiten ausführen konnte. 1912 wurde durch die Verlegung einer Gasleitung für eine Lampe vom Hotel Piz Duan zum Atelier die Beleuchtung verbessert. Lampe und Gaspumpe im alten Hotel sind noch heute vorhanden. Giovanni liess sich zudem einen Stuhl mit beweglicher Rückenlehne liefern. Der Stuhl, entworfen von Carlo Bugatti, ist auf verschiedenen Bildern und Fotos zu sehen.
Im Atelier haben Söhne und die Ehefrau mehrmals für Giovanni Modell gestanden. Im Buch von Ernst Scheidegger „Das Bergell – Heimat der Giacometti“ erinnert sich der jüngere Sohn Bruno: „ Das Atelier meines Vaters war recht gross. Am Nachmittag sass meine Mutter in einer Ecke und war mit Handarbeiten beschäftigt, während mein Vater malte“.
Alberto’s Atelier
Das Atelier wurde nach Giovannis Tod im Jahre 1933 zum Arbeitsraum von Alberto während seinen jährlich wiederkehrenden Aufenthalten in Stampa bis 1965 jedes Jahr benutzte. Unvergesslich sind die Fotos von Henry Cartier Bresson, Ernst Scheidegger, Giorgio Soavi und anderen, die Alberto im Atelier und Umgebung zeigen.
Im Jahr 1962 liess Alberto im südlichen Teil des Ateliers eine ganz kleine Wohneinheit für seine Frau Annette ausbauen. Während den Aufenthalten in Stampa hatte sie bis dahin im blauen Zimmer im Hotel Piz Duan übernachtet.
Heute ist das Atelier Giacometti in Stampa im Besitz der Kulturgesellschaft des Bergells (Società culturale, sezione PGI). Es ist der einzige erhaltene Werkraum mit Spuren der Künstler Giovanni und Alberto, der potenziell für das Publikum zugänglich ist. Am 1. Juni 2011 wird die Verwaltung des Ateliers den Amici del Centro Giacometti übertragen.
Abbildung mit Giovanni und Annetta im Atelier: Giovanni Giacometti, Nell'atelier a Stampa, 1912, Öl auf Leinwand, Museum Ciäsa Granda, Stampa
Foto mit Büsten: aufgenommen von Annette Giacometti, Tonfiguren im Atelier von Stampa, 1965, Büste von Annette und Kopf von Diego (aus der Erinnerung), Fondation Alberto et Annette Giacometti, Inv. Nr. 2003-1722.

Künstlerdynastie
Statements
Ulf Küster

Das Atelier ist fantastisch. Man sollte unbedingt daraus etwas machen. Gerne wäre ich bereit, bei Ihren Bemühungen mitzuhelfen.
Ulf Küster, Kurator Fondation Beyeler, Basel, 5.8.09





