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Neue Augusto Giacometti-Biografie

Augusto Giacometti. In einem förmlichen Farbentaumel, so heisst der Titel der von Marco Giacometti verfassten neuen Biografie des Bergeller Malers, die im Herbst 2021 im Salm Verlag herausgegeben wird.
In dieser Publikation kommt der Maler zeitnah, in Form von datierten, authentischen Textstellen zu Wort. Das Buch ermöglicht es erstmals, Schritt für Schritt die Entwicklung seiner Arbeit, seiner Ansichten und Gefühle beim Betrachten, Komponieren und Malen mitzuverfolgen. Wir blicken in das Intime, in das Emotionale aus Augustos Leben und Denken.
Band I liest sich wie eine Erzählung und kommt ohne Fussnoten und Anmerkungen aus. Es enthält Abbildungen aussagekräftiger Arbeiten des Künstlers. In Band II finden sich die Materialien und chronologisch geordnete historische Fotos.
Abb: Augusto Giacometti, Selbstbildnis mit Hut, 1908 (Privatbesitz)

Vorwort des Autors

Ich durfte in eine Bergeller Familie hineinwachsen, in der sowohl mein Vater Fernando als auch meine Mutter Marta Augusta - wenn auch entfernt - mit dem Maler Augusto Giacometti verwandt waren. Alma, eine Urgrossmutter mütterlicherseits, war Augustos Cousine. Väterlicherseits war mein Grossvater Antonio sowohl über seine Mutter Anna als auch über seinen Vater Antonio Augustos Cousin.
Und eben dieser Grossvater erbte von Augusto im Jahr 1947 dessen Elternhaus in Stampa, das einen kleinen Schatz hortete: die von Augusto hinterlassene private Korrespondenz mit den Eltern und mit Verwandten. Das Studium dieser 542 über eine Periode von 57 Jahren verteilten Briefe und Postkarten eröffnete ein spannendes biografisches Forschungsfeld, das zur Erschliessung und Kontextualisierung weiterer Briefkonvolute und Tagebucheinträge und schliesslich zur vorliegenden, auf Originalzitaten basierenden Biographie führte.

Augusto Giacometti hatte zwar zwei autobiografische Bücher geschrieben; diesen beiden Publikationen fehlen jedoch die Quellen, und die beschriebenen Ereignisse sind spärlich und teilweise auch falsch datiert. Streckenweise vermitteln sie ausserdem eine gefilterte, idealisierte Lebenserzählung eines arrivierten Malers, die Lücken offenliess, bewusst.
Und in seinem Vortrag «Die Farbe und ich» aus dem Jahr 1933 gab Augusto zwar technische Aspekte seiner künstlerischen Arbeit preis, die „Ingenieurseite”, wie er sagte. Sein „Herz“ aber, seine inneren Geheimnisse, wollte er nicht preisgeben, wie er am 18. November 1933 in seinem Tagebuch festhielt. Gerade dies hatte der NZZ-Redaktor Waldemar Jollos damals kritisiert.

In dieser Publikation kommt nun der Maler zeitnah, in Form von datierten, authentischen Textstellen zu Wort. Dieses Buch ermöglicht es erstmals, die Menschen, mit denen er verwandt war, die er traf und mit denen er sich austauschte, in einem innigen Beziehungsnetz zu sehen. Der Leser verfolgt Schritt für Schritt die Entwicklung seiner Arbeit, seiner Ansichten und Gefühle beim Betrachten, Komponieren und Malen. Wir blicken in das Intime, in das Emotionale aus Augustos Leben und Denken.

Wir entdecken einen einfühlsamen, selbstbewussten und zielstrebigen, vernetzten Künstler, der seine Umwelt bewusst wahrnahm, die Geschichte der Malerei intensiv studierte, aktiv Studiengelder generierte und Kunden akquirierte, gezielt seinen Lehrer in Paris aufsuchte und der sich auf den Spuren seines Vorbildes nach Florenz begab, der an Tuberkulose erkrankte und die Krankheit überstand, der seinen Bruder verlor und die Trennung der Eltern überwand, der verlobt und verliebt war und Frauengeschichten hatte. Einen Maler, der sich als 32-Jähriger vorgenommen hatte, die Schweizer Malerei nach Ferdinand Hodler und Cuno Amiet zu erneuern. Der Schriftsteller suchte und fand, die sein Werk preisten. Und der in Zürich zum hoch geschätzten Präsidenten der Eidgenössischen Kunstkommission avancierte.

Als Künstler ging Augusto Giacometti einen eigenen, persönlichen Weg. Zwar verfolgte er die Gedankengänge der Futuristen und sympathisierte mit Dada-Künstlern; an Kunstströmungen seiner Zeit beteiligte sich Augusto Giacometti aber nicht. Mit seinen Inspirationsquellen, die er vornehmlich in Stampa oder auf Reisen fand, ging er systematisch vor. Giacometti erforschte die Gesetze der Naturerscheinungen der Farben, was Giovanni Giacometti als „dekorative Malerei“ abtat. Über diesen Weg gelang er sehr früh zu abstrakten Farbkompositionen. 1932 trug er in seinem Tagebuch ein: „Diese beiden Sachen, Natur und Phantasie, scheinen sich in mir ergänzen zu wollen.“

In seiner Kunst ging es Augusto Giacometti nicht um Wahrheit. Er nahm die Lebensphilosophie Friedrich Nietzsches auf, den er las und die von den Wortführern des Jugendstils als Grundlage gedient hatte. Bei Giacometti lösten sich also allmählich die Formen auf, zugunsten einer harmonischen, mutigen Komposition reiner Farben. Er hatte ein Gespür für den Reiz des Verborgenen, für das Spiel des Schleiers: Augustos Arbeit ist „eine Kunst, die es versteht, durch die Macht der Farbe Unsichtbares sichtbar zu machen”, so Erwin Poeschel im Novemberheft 1926 von „Das Werk”.

Der vorliegende Band I liest sich wie eine Erzählung und kommt ohne Fussnoten und Anmerkungen aus. Es besteht aus einleitenden und erläuternden Texten des Autors sowie, kursiv, aus kontextualisierten, chronologisch geordneten Originalzitaten Augustos oder seiner Familienmitglieder, insbesondere seines Vaters und seiner Mutter. Originaltexte Dritter sind grau unterlegt. Band I zeigt ausserdem eine Serie von aussagekräftigen Arbeiten Augusto Giacomettis.

In Band II finden sich die Materialien: die Anmerkungen zu den Texten in Band I, ein Personenverzeichnis mit ausgewählten Stammbäumen, ein Ortsverzeichnis, ein Quellenverzeichnis und die verwendete Literatur, ein Verzeichnis von Augusto Giacomettis erwähnten Werke, ein Ausstellungsverzeichnis und ein Abbildungsverzeichnis. In einem zweiten Teil folgt ein chronologisch geordneter Abbildungsteil mit historischen Fotografien.

Diese Biografie hat den Anspruch, verfügbare Zitate des Künstlers zusammenzutragen und zu kontextualisieren. Die Publikation soll aber nicht als Schlusspunkt in der Auseinandersetzung mit dem Leben und mit dem Werk Augusto Giacomettis aufgefasst werden. Ganz im Gegenteil: das Buch soll Auslöser sein für eine vertiefte Dokumentations- und Forschungsarbeit über Augusto Giacometti. Es wird der Kunstgeschichte überlassen, eine Neubeurteilung der Bedeutung eines mutigen, individuell agierenden Malers und seines Werkes unter der verbesserten Quellenlage vorzunehmen.

Man möge mir verzeihen, wenn ich meine Bewunderung für Augusto Giacometti und für sein Werk nicht ganz habe verschleiern können. Meine Geschwister und ich sind mit seiner Kunst aufgewachsen. Dieses Buch soll deshalb auch ein Geschenk an unsere Eltern sein, die es verstanden, uns an die Welt der Kunst heranzuführen. Sie haben uns stolz gemacht auf eine Familiengeschichte und auf ein Kulturerbe, die es zu erforschen und zu bewahren gilt.

Stampa, 24.12. 2019

Dr. Marco Giacometti, Stampa

 

 

Neue Einsichten und Erkenntnisse zur Biografie von Augusto Giacometti (1877–1947)

Mit der akribischen und kritischen Auswertung von über 500 Briefen und Postkarten mit den Eltern und Verwandten, Korrespondenzen mit Hans Kestranek, Erwin Poeschel und Arnoldo M. Zendralli, von Giacomettis Tagebuch (1931–1937) sowie weiterem Quellenmaterial eröffnet Marco Giacometti mit der für das Jahr 2021 geplanten, zweibändigen Biografie "Augusto Giacometti. In einem förmlichen Farbentaumel" vertiefte, erhellende und zum Teil frappante Einblicke in die aussergewöhnliche Lebensgeschichte des bedeutenden Künstlers.

Von kunsthistorischer Relevanz sind insbesondere neue Erkenntnisse zur präzisen Datierung von Kunstwerken vor allem aus der Frühzeit, das Aufspüren von Ausstellungen, die Giacometti beschickte, die aber bislang nicht verzeichnet sind, und nicht zuletzt die erweiterte Kenntnis künstlerischer Probleme, mit denen er sich auseinandersetzte.

Marco Giacomettis detailreiche Chronik des Lebens und Wirkens des Bergeller Künstlers in Stampa, Zürich, Paris und Florenz ist in vielerlei Hinsicht eine wahre und äusserst ergiebige Fundgrube – nicht zuletzt für den Catalogue raisonné der Gemälde, Wandbilder, und Glasfenster Augusto Giacomettis, den das SIK-ISEA, Schweizerisches Institut für Kunstwissenschaft, Zürich, zur Zeit erarbeitet und der 2023 erscheinen soll.


Luzern, im Februar 2020

Dr. Beat Stutzer
Direktor Bündner Kunstmuseum Chur (1982–2011)

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Roger Fayet

Stampa und das Bergell bildeten den fortwährenden und verbindenden Bezugspunkt für vier der bedeutendsten Schweizer Künstler: Giovanni, Augusto, Alberto und Diego Giacometti. Diese historische Konstellation und das heute noch erhaltene Atelier eröffnen zusammen mit dem Bestand der Werke in der Ciäsa Granda die einmalige Chance, das im Kontext des Bergells stehende Schaffen aller vier Künstler einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen. Das Schweizerische Institut für Kunstwissenschaft (SIK-ISEA) begegnet der Initiative mit grosser Sympathie und freut sich darauf, die Aktivitäten zum Aufbau des Centro Giacometti wissenschaftlich zu unterstützen.

Dr. Roger Fayet, Direktor des Schweizer Institutes für Kunstwissenschaft, Zürich, 25.5.12