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Neue Augusto Giacometti-Biografie

"Ich bin in einem förmlichen Farbentaumel", so heisst ein Zitat Augusto Giacomettis aus einem seiner zahlreichen Briefe. Und so heisst die von Marco Giacometti verfasste neue Biografie dieses Bergeller Malers, die im Herbst 2021 im Salm Verlag herausgegeben wird.
In dieser Publikation kommt der Maler zeitnah, in Form von datierten, authentischen Textstellen zu Wort. Das Buch ermöglicht es erstmals, Schritt für Schritt die Entwicklung seiner Arbeit, seiner Ansichten und Gefühle beim Betrachten, Komponieren und Malen mitzuverfolgen. Wir blicken in das Intime, in das Emotionale aus Augustos Leben und Denken.
Band I liest sich wie eine Erzählung und kommt ohne Fussnoten und Anmerkungen aus. Es enthält Abbildungen aussagekräftiger Arbeiten des Künstlers. In Band II finden sich die Materialien und chronologisch geordnete historische Fotos. Lektoriert werden die Texte von Claudia Demel.

 

Ankündigung des Autors

Hineingewachsen in eine Bergeller Familie, waren sowohl mein Vater Fernando als auch meine Mutter Marta Augusta mit dem Maler Augusto Giacometti verwandt. Mein Grossvater väterlicherseits, Antonio Giacometti, war über die mütterliche und über die väterliche Linie ein Cousin von Augusto Giacometti. Meine Urgrossmutter in der Linie meiner Mutter, Alma Dolfi, war eine Cousine von ihm.

Mein Grossvater Antonio erbte nach Augusto Giacomettis Tod im Jahr 1947 dessen Elternhaus in Stampa. Darin wiederum verbarg sich ein kleiner Schatz: der noch erhaltene Teil Augustos persönlicher Korrespondenz mit den Eltern und weiteren Bekannten. Das Konvolut enthält 542 Briefe und Postkarten über einen Zeitraum von 57 Jahren. Was für ein erfreulicher und nicht minder spannender biografischer Forschungsgegenstand! Dieser führte nach gründlicher Sichtung zu weiteren Recherchen und folglich zum Auffinden neuer, bis heute unbeachteter Originaldokumente und -korrespondenzen von und über Augusto Giacometti im deutschsprachigen Raum. Deren Inhalte sollen der Öffentlichkeit keinesfalls vorenthalten bleiben und sind somit Auslöser und Grundlage der aktuell in Entstehung begriffenen neuen Biografie über Augusto Giacometti, welche im Herbst 2021 vorgelegt wird.

Augusto Giacometti hat selbst zwei autobiografische Werke verfasst. Beiden lassen jedoch Quellennachweise vermissen; auch sind wichtige Ereignisse teils spärlich, teils falsch datiert. Zudem können anhand der neuen Quellenlage damalige bewusste Weglassungen oder Idealisierungen durch den Autobiografen erstmals identifiziert und objektiviert werden. In seinem bekannten und ebenfalls publizierten Vortrag «Die Farbe und ich» aus dem Jahr 1933 in Zürich gab Augusto zwar technische Aspekte seiner künstlerischen Arbeit preis, reduzierte sich damit aber nach eigener Aussage auf die «Ingenieuerseite» seines Wirkens. Sein „Herz“ jedoch, also sein inneres Befinden und die damit verbundenen Geheimnisse, war er zu jener Zeit nicht bereit zu offenbaren. Dies hielt er am 18. November 1933 in seinem Tagebuch fest; was der damalige NZZ-Redaktor Waldemar Jollos deutlich kritisierte.

In der nun entstehenden biografischen Publikation kommt Augusto Giacometti selbst – umfassend und mit Beginn des zwölften Lebensjahres – datiert, zitiert und kontextualisiert zu Wort. Sein Herz öffnet sich.
Soviel vorweg: Zu entdecken wird ein emphatischer, selbst- und zielbewusster und unglaublich gut vernetzter Künstler sein, der sich mit der Geschichte der Malerei auseinandersetzte, Studienpreise gewann und Kundschaft für seine Werke aktiv akquirierte. Die Menschen, mit denen er verwandt und bekannt war, mit denen er studierte und arbeitete, bilden um ihn ein inniges, prägendes Beziehungsnetz. Zu entdecken wird ein Mensch sein, der an Tuberkulose erkrankte und diese überstand, der sich nach Florenz auf die Spuren seines Vorbildes begab, der verliebt, verlobt und den Frauen zugeneigt war, der seinen Bruder viel zu jung verlor und sich mit der Trennung seiner Eltern arrangierte. Ein beherzter Initiant, stets auf der Suche nach ihm wohlgesonnenen und zugeneigten Autoren, der in Zürich zum hoch geschätzten Präsidenten der Eidgenössischen Kunstkommission avancierte. Offengelegt werden das Leben und Denken, Emotionen und Vertraulichkeiten des Malers, des Intellektuellen und des Menschen Augusto Giacometti.

Als Künstler fand Augusto Giacometti seinen individuellen Weg. Obwohl er die Ansätze der Futuristen verfolgt und mit den Dadaisten sympathisiert hatte, wirkte er nicht mit an den Kunstströmungen seiner Epoche. Seine Inspirationsquellen sind systematischen Ursprungs; Giacometti durchdrang die Gesetzmässigkeiten von Farberscheinungen in der Natur, was umgesetzt einige Kunstkritiker als „dekorative Malerei“ simplifizierten. So auch sein Cousin zweiten Grades, der Schweizer Maler Giovanni Giacometti. Im Jahr 1909 mit 32 Jahren bekannte Augusto Giacometti, die Malerei in der Schweiz nach Ferdinand Hodler und Cuno Amiet erneuern zu wollen.
In seiner Kunst verfolgte Augusto Giacometti nicht das Offensichtliche. Er hatte ein grosses Gespür für den Reiz des Verborgenen, für das Spiel des Schleiers. In seiner künstlerischen Entwicklung lösten sich so allmählich die Formen auf, zugunsten einer mutigen, wenngleich harmonischen Komposition reiner Farben.

Das entstehende Buch wird als ein Werk in zwei Bänden veröffentlicht. Der erste Band soll einem prosaischen Anspruch gerecht werden und ohne Fussnoten und Anmerkungen auskommen. Er besteht aus erläuternden Textstellen des Autors gepaart mit verschiedensten kontextualisierten, chronologisch geordneten Originalzitaten Augustos oder von dessen Familienmitgliedern, allen voran seines Vaters und seiner Mutter. Originaltexte Dritter, wie beispielsweise jene von Helene Scholz, Erwin Poeschel oder von Kritikern und Sammlern werden geschickt eingebunden. Ergänzt werden die Texte mit Illustrationen und Abbildungen.

Der zweite Band enthält die Materialsammlung: die Anmerkungen zu den Texten in Band I, ein Personenverzeichnis mit ausgewählten Stammbäumen, ein Ortsverzeichnis, ein Quellenverzeichnis und die verwendete Literatur, ein Verzeichnis von Augusto Giacomettis erwähnten Werken, ein Ausstellungsverzeichnis und ein Abbildungsverzeichnis. In einem separaten Teil des zweiten Bandes werden chronologisch historische Fotografien gezeigt.

Die im Herbst 2021 erscheinende Biografie hat den Anspruch, sämtliche verfügbare und teils noch nicht veröffentlichte Quellen in einen verständlichen und in höchstmöglichem Mass objektiven Kontext zu stellen. Sie soll dabei weder als Kontrapunkt noch als Schlusspunkt in der Auseinandersetzung mit Leben und Werk Augusto Giacomettis gesehen werden. Im Gegenteil: das Buch soll Anreiz und Inspiration sein für eine vertiefende Dokumentations- und Forschungsarbeit. Es wird der Kunstgeschichte überlassen, eine veränderte, allenfalls neue Wertung der Bedeutung Augusto Giacomettis unter der markant verbesserten Quellenlage vorzunehmen.

In eigener Sache: Es ist nicht auszuschliessen, dass kritische Leser nach der Lektüre bemerken, die Bewunderung des Autors für den Künstler dringe in Text und Bild zu sehr durch. Das möchte ich nicht abstreiten. Meine Geschwister und ich wuchsen umgeben von der Kunst Augustos auf. Ohne meine Leidenschaft und meinen hohen Respekt für diesen mutigen und kompromisslosen Künstler wäre wohl auch dieses Buch nie entstanden. Man möge mir also verzeihen. Gewidmet ist dieses Buch deshalb auch unseren Eltern, die es verstanden, uns die Welt der Kunst näherzubringen. Sie haben uns stolz gemacht auf eine Familiengeschichte und auf ein kulturelles Erbe, das es nicht nur zu bewahren, sondern weiter zu erforschen gilt.

Stampa, 24.12. 2019

Dr. Marco Giacometti, Stampa

Geschichte des Muretto

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Roger Fayet

Stampa und das Bergell bildeten den fortwährenden und verbindenden Bezugspunkt für vier der bedeutendsten Schweizer Künstler: Giovanni, Augusto, Alberto und Diego Giacometti. Diese historische Konstellation und das heute noch erhaltene Atelier eröffnen zusammen mit dem Bestand der Werke in der Ciäsa Granda die einmalige Chance, das im Kontext des Bergells stehende Schaffen aller vier Künstler einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen. Das Schweizerische Institut für Kunstwissenschaft (SIK-ISEA) begegnet der Initiative mit grosser Sympathie und freut sich darauf, die Aktivitäten zum Aufbau des Centro Giacometti wissenschaftlich zu unterstützen.

Dr. Roger Fayet, Direktor des Schweizer Institutes für Kunstwissenschaft, Zürich, 25.5.12