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Spiritus Rector Vincent

Inschrift an der Atelierwand der Giacomettis in Stampa als Brücke zur Kunst van Goghs

Vielleicht wurde sie von einigen Besuchern des Ateliers gelesen, wohl eher überlesen: die Inschrift an der Atelierwand der Giacomettis in Stampa. In der Forschung wurde sie bislang ignoriert. Erst arbeitete hier ab 1906 Giovanni Giacometti (1868-1933), später zog sein Sohn Alberto (1901-1966) in das Atelier seines Vaters ein - und brachte es weit über die Schweizer Grenzen hinaus zugrossem Ruhm.

Von Claudia Bertling Biaggini


Als Giovanni Giacometti mit seiner Familie von Borgonovo nach Stampa umzog, richtete er sich in einem angrenzenden Stall sein neues Atelier ein. Es wurde mit einer doppelten Holzwand ausgekleidet, und neue Fenster wurden eingesetzt. Danach begann er mit den ersten Holzschnitzereien und verzierte „nach Herzenslust“Heim und Atelier. „Sonst stehen wir im Zeichen des ‚schmücke Dein Heim“, schreibt Giovanni Giacometti an seinen Freund Cuno Amiet Ende Dezember 1907.

Das Atelier Giovanni Giacomettis in Stampa wurde nach dem Tod des Vaters von Alberto als Arbeits- und Inspirationsort übernommen. Noch heute hat der Raum seine authentische atmosphärische Ausstrahlung. Mobiliar, Malutensilien und die Verzierungen an den Wänden sind teilweise erhalten. Der mit Holz getäferte Raum bewahrt vor allem eine Inschrift, gefertigt von seinem Vater, Giovanni Giacometti, signiert mit Vincent.
Die Inschrift an der Atelierwand zwischen zwei Fenstern gibt eine Textstelle aus einem Brief van Goghs an den Maler Émile Bernard, wohl vom 26. November 1889, wieder. Hierin schreibt er: Quelque haïssable que soit la peinture et encombrante au temps où nous sommes, celui qui a choisi ce métier, s’il l‘exerce quand même avec zèle, est homme du devoir et solide et fidèle. Verabscheuungswürdig und schwierig sei die Malerei seiner Zeit. Aber er betreibt das Metier mit Eifer. Pflichtbewusst, stark und gewissenhaft, das war und wollte auch Giovanni Giacometti sein.

Erzieher zu van Gogh
In der Neuen Zürcher Zeitung vom 19.7.1908 wurden anlässlich einer Ausstellung im Künstlerhaus Zürich (das Kunsthaus existiert erst seit 1910) Giovanni Giacometti und Cuno Amiet von Hans Trog als ‚Erzieher zu van Gogh’ bezeichnet. Einige ihrer Werke wurden neben den Meisterwerken von Vincent van Gogh gezeigt. Weiter heisst es, dass die beiden Schweizer Maler ‚künstlerische Glaubensgenossen‘ van Goghs seien. Giovanni Giacometti sah sich in der Nachfolge des grossen holländischen Malers und kopierte einige seiner Werke. Seinem Freund (und Taufpaten seines Sohnes Alberto) Cuno Amiet verkündet er, dass kein Buch ihm so lieb sei, wie die Briefe von Vincent van Gogh, und dass er darin Wahrheiten fühle, die „uns noch niemand gesagt hat“.
Vincent van Gogh war also eine Art Spiritus Rector und ein grosses Vorbild für Giovanni Giacometti. Vermutlich führte Giacometti seinen Sohn Alberto an das ‚unschätzbare Buch‘ mit den bedeutungsvollen Briefen van Goghs heran. Alberto erwähnt van Gogh später in einem Text und skizziert sein Bildnis. - Wie nun diese Wandinschrift im Atelier in Stampa auf Alberto Giacometti einwirkte, ist eine offene Frage.


Dr. Claudia Bertling Biaggini, Kunsthistorikerin in Zürich. Die Verfasserin arbeitet an einem Buch über Alberto Giacometti und Vincent van Gogh.

Abb. oben: Giovanni Giacometti: Das Brot, 1908, Öl auf Leinwand, 110 x 102.5 cm (Privatbesitz).

Abb. unten: Inschrift auf der Holzwand im Atelier Giacometti (Eigentum Società culturale di Bregaglia)

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Statements

Eberhard W. Kornfeld

Danke für die liebenswürdige Betreuung bei unserem Besuch in Stampa am letzten Montag. Der ganze Tag war für uns ein grosses Erlebnis. Eure Konzeption für eine "Gedenkstätte" klingt gut und lässt sich hoffentlich realisieren.
Dr. Eberhard W. Kornfeld, Bern, 10.8.13