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Vor fünfzig Jahren starb der ehrlichste aller Bergeller

Gedenkanlass, 50 Jahre nach dem Tod von Alberto Giacometti
Stampa, 11. Januar 2016

Beitrag der Televisione della Svizzera italiana vom 4.1.16
Fernsehbeitrag im Il Quotidiano, Televisione della Svizzera Italiana
Radioübertragung aus Stampa, mit Rolf Schürch
Radiobeitrag in der SR Mediathek vom 10.1.16 von Werner Bloch

Ansprache von Marco Giacometti, Präsident der Fondazione Centro Giacometti



Sehr geehrte Damen und Herren

Ich bin von jener Generation, die Alberto Giacometti nicht persönlich kennenlernen durfte.
Manchmal scheint es mir aber, ihm begegnet zu sein. Das liegt an den Erzählungen in meiner Kindheit, hier in Stampa, von meiner Grossmutter Sina und ihren Geschwistern Bettina und Renzo, vor Allem von Renzo. Diese Geschichten sind mir noch sehr gegenwärtig.
Aber auch die Zeugnisse weiterer Personen, im Bergell, in Mailand, in Chur, oder in Bern, erlauben mir heute, dem Menschen und dem Künstler nahe zu sein.

Ich möchte deshalb „im Namen der jungen Generation“ all jenen ganz herzlich danken, die über Alberto gesprochen und geschrieben haben, die ihn fotografiert und interviewt haben, die sein Werk gesammelt, dokumentiert und kommentiert haben.
Ich danke Allen, die ihn kannten und mochten und die heute an diesem Gedenkanlass hier anwesend sind.

Die Qualität von Albertos Arbeit ist ausserordentlich. Die Eruption jenes kreativen Vulkans ereignete sich in Paris und in der Welt. Das Magma aber hatte sich im Bergell angesammelt und angestaut; im Laufe vieler Generationen, von hier ansässigen Familien, an der Schnittstelle zweier grosser Kulturräume.

Das Bergell ist für die Kunst das, was die Galapagos für die Biologie sind: ein Ort, an dem Evolution stattfand und heute sichtbar ist. Wir müssen neu lernen, diese Bergeller Identität und Kultur anzuerkennen, die mit Alberto schwindlige Höhen erreichte. Sein Kulturerbe hilft uns dabei.
Albertos Arbeit: zu seiner Zeit lag sie hier, in seiner Heimat, jenseits des Fassbaren. Allerdings waren wir diesbezüglich nicht allein, wie wir heute wissen.
Fünfzig Jahre nach Albertos Tod können wir die Scham darüber ablegen, die künstlerische Grösse Albertos zu seinen Lebzeiten nicht erkannt zu haben.

Bis heute hat sich in Stampa und im Bergell die Erinnerung eines Menschen eingeprägt, der hilfsbereit, bescheiden und grenzenlos ehrlich war. Eines Menschenfreundes, der Andere auf Augenhöhe begegnete und der nicht diskriminierte, ausser bei feigen Aktionen. Dessen kreative Potenz es ihm erlaubte, zum Wesentlichen des menschlichen Seins vorzudringen.

Vor fünfzig Jahren ist der gründlichste und ehrlichste aller Bergeller gestorben, vielleicht der ehrlichste aller Künstler. Heute beginnen wir hier im Tal, uns dessen bewusst zu werden.

Marco Giacometti, Präsident der Fondazione Centro Giacometti

 

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Marco Giacometti

Wir wollen versuchen, die Kumulation von Ereignissen in jenem kurzen historischen Moment zum Ausdruck zu bringen, in dem der radikalste Bruch in der Geschichte der modernen Bildhauerei durch Alberto Giacometti entstehen konnte. Die Bergeller Begebenheiten sind dafür von zentraler Bedeutung. Als Leitidee kann die Bedeutung der Frühförderung von Talenten gelten, die nicht nur im Sport oder in MINT-Fächern für die Laufbahn von Individuen ausserordentlich wichtig ist, sondern auch bei Disziplinen mit kreativem Hintergrund. Bei der Analyse der Laufbahnen aller Giacometti-Künstler wird dies sehr deutlich.

Marco Giacometti, Präsident der Fondazione Centro Giacometti, 12.11.2017