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Das Bergell 1898 von einem «netten Reiseschriftsteller» gesehen

In einem Brief vom 15. Januar 1898 aus Paris an die Eltern in Stampa berichtet Augusto Giacometti von dem Artikel in einer Basler Zeitung, in dem die Bergeller nicht gut wegkommen: «Ein Deutscher hat in einer Basler Zeitung einen Artikel über das Bergell geschrieben. Darin soll auch stehen, dass die Bewohner klein sind und unter Kropfen leiden. Es ist zum Lachen. Beim Lesen bekomme man den Eindruck, es handle sich um ein Land in Zentralafrika! So erzählte es mir ein Kamerad aus Basel.»

Claudia Demel hat den Artikel nach 122 Jahren ausfindig gemacht. Wir veröffentlichen es ohne weiteren Kommentar.


Basler Nachrichten von Mittwoch 12. Januar 1898 – Beilage zu Nummer 11 (Seite 1)

Ein „netter” Reiseschriftsteller
(2. Korrespondenz)

In der „Schwäbischen Kronik”, Beiblatt z. „Schwäbischen Merkur” (15. Dez., Nr. 293) schildert ein „Alpenwanderer” seine Fahrt „durchs Bergell und Engadin nach Bormio”. Es wird im ganzen Artikel neben wenig Richtigem so viel Falsches und Schiefes verwurstet, dass Schweigen zu einer solchen journalistischen Leistung einfach ein Unrecht wäre gegenüber den teilweise geradezu misshandelten Thalschaften. Ich beschränke mich aber in meinen Ausführungen einzig auf das Bergell. Die geschätzten Leser mögen dann ihre Schlüsse ziehen auf die Qualität dieser Reiseschriftstellerei. Man lese folgende Ausführungen – – und freue sich darüber:

„Castasegna, gegenüber dem mächtigen Bondascagletscher gelegen, über den man ins Veltlin gelangen kann, ist der erste schweizerische Ort. Die Bevölkerung des Bergells ist italienisch. Und was dies für eine Bevölkerung ist! Es drückt einem fast das Herz ab, wenn man ein so herrliches Land von einer so elenden Bevölkerung bewohnt sieht. Kröpfe haben fast alle und Zwerge und Kretine gibt es, wenn auch nicht ganz so viele wie im Veltlin, in unheimlicher Menge. Und welch' gelbe und weisse Gesichter und welch' ärmliche schmutzige Kleidung! Es war ein Sonntag, als wir das Bergell hinaufwanderten, und wir begegneten ganzen Trupps von Bewohnern auf der Strasse. Manchmal meinten wir von Ferne, es komme eine Schar Kinder und wenn man näher hinsah, so waren es alte, verwelkte Gesichter auf Kindergestalten: gelbe, welke Zwerge. Woher mag dies kommen? Zum Teil vom Wasser, zum Teil vielleicht (sic!) auch von der Unzucht, zum grössern Teil aber sicherlich von der Armut, verursacht von der fast unglaublichen Parzellierung des Grund und Bodens, die vielfach die Parzellen nach Quadratmetern misst, nicht zuletzt aber auch verursacht durch die jahrhundertlange Knechtung und Aussaugung, die dieses Volk hat erdulden müssen. Im frühen Mittelalter hatte das Thal unter den fortwährenden Durchzügen und Plünderungen der Völkerwanderung zu leiden, hernach kamen immer wieder die Heereszüge der deutschen Kaiser auf ihren Romfahrten und oberitalienischen Kriegen, und schliesslich wurde das Land von der Republik der drei Bünde erobert und über zwei Jahrhunderte lang durch Landvögte verwaltet oder vielmehr ausgebeutet. Und doch finden sich auch in diesem Volke Spuren von Schönheit; man braucht nur die tiefen lebhaften Augen mancher Kinder anzusehen. Im oberen Bergell, das vor Alters zur Republik der drei Bünde gehörte und nicht erobertes Land war, wie das untere, wird es übrigens besser und man begegnet zuweilen recht hübschen Gestalten. Eine geradezu reizende Kolonie von Knaben versammelte sich um mich, als ich in der Nähe des Dorfes Borgonovo zeichnete. Wirklich drollig lugten die dunklen Gesichter unter ihren abenteuerlichen roten, braunen und grünen, wenn auch nicht übermässig saubern Filzhüten hervor. Diese Hüte waren nichts anderes als umgekehrte Filztrichter, wie sie bei unsern Zuckerbäckern und Hausfrauen bei der Destillation Verwendung finden. Und die Sprünge, welche die Burschen ihrem Dorfe zu machten, als sie, je zwei miteinander, ein Zehnrappenstück erhalten hatten! Deutsch verstand keiner ein Wort; aber die Verständigung durch Zeichen gelang bei ihnen, wie auch sonst bei den Erwachsenen, leicht. Übrigens hatten die Knaben nicht gebettelt, bei Italienern eine Seltenheit. Die Bevölkerung des Bergells ist, für Italiener wieder eine Seltenheit, reformiert. Die Dörfer machen, wenigsten von der Ferne, einen recht guten Eindruck. Im allgemeinen zeigen sie den italienischen Typus: quadratisch-viereckige Steinhäuser mit zierlich flachen Giebeldächern. In den warmen Gegenden, wo meist jedes Haus von schwankenden (?!) Reben bedeckt ist, gewähren die italienischen Dörfer von aussen ein freundliches Bild. Wo die Reben fehlen und wo die Häuser vollends in gepflasterten Gassen aneinandergedrückt sind, da machen sie einen kalten, düsteren Eindruck. Und einen geradezu trostlosen Anblick bieten die italienischen Steinhütten des Hochgebirges. Aus unbehauenen, aufeinandergelegten Steinen ohne Mörtel aufgebaut, mit einem Dach aus Schieferplatten oder ähnlichem Gestein, stehen diese Hütten da wie Schutzhütten, die sich unsere Weingärtner in Weinbergen errichten. Fenster und Kamine fehlen. Eine einzige Öffnung führt in das Innere, in welchem Menschen und Tiere vielfach in einem Raume zusammenwohnen. Der Rauch drängt durch die Thüre heraus und schwärzt rings um die Öffnung das Gestein. Zuweilen findet sich neben der Thüre noch die eine oder andere Öffnung, Fenster darstellend, aber natürlich ohne Scheiben. Dies sind die geringsten Hütten; die bessern haben zwei übereinander befindliche Eingänge. Der untere zu ebener Erde führt in den Raum, in dem das Vieh haust; der obere, zu dem einige Stufen, meist aus Stein, selten aus Holz, emporführen, bildet die Thüre für den menschlichen Wohnraum. In den Thälern sind die Häuser besser; sie haben mehrere Räume nebeneinander und oft auch verschiedene Stockwerke. Und noch etwas ist charakteristisch: die vielen Ruinen, nicht von Schlössern, sondern von gewöhnlichen Bauernhäusern. Kaum findet man ein Gehöft, wo nicht eine Anzahl verfallener und verlassener Häuser oder vielmehr übrig gebliebene Steinwände und Steinhaufen von solchen sich vorfänden. Man glaubt, auf einer Brandstätte zu sein.”

Und wenn man dies liest, so glaubt man einen zu hören, dem mehrere der fünf Sinnen abhanden gekommen sind.
Ich will dies kurz beweisen.
Zunächst ist die Behauptung, das Bergell besitze eine über alles Mass hinausgehende Zahl von Kretinen und Zwergen, absurd und absolut zurückzuweisen. Man findet auch in dieser Thalschaft leider Gottes einzelne Wesen, die geistige oder körperliche Abnormitäten aufweisen, aber nicht mehr als in anderen Alpengegenden. Die letzte eidgenössische Statistik über diesen Gegenstand hat dargethan, dass das Bergell noch zu den besseren Bezirken gehört.
Der wackere „Alpenwanderer” fällt dann aber selbst aus der Rolle, wenn er gegen das Ende des obigen Zitates hin plötzlich von einer reizenden Knaben-Kolonie redet. Man vergleiche doch die bezüglichen Ausführungen mit dem Anfange! Man darf füglich feststellen, dass das Bergell einen nicht weniger schönen Menschenschlag als das Engadin, Puschlav, Oberland etc. habe. Wo waren denn auch die stattlichen Männer von Promontogno, Soglio, Vicosoprano und Castasegna? Und die braunlockigen Frauen und Töchter mit ihrer Südländischen Grazie? Spuren waren da, nur Spuren von Schönheit! Was der Reisebeschreiber vom „Schwäbischen Merkur” über die Geschichte berichtet, ist natürlich zum Teil an sich schon konfus, da das Thal nach ihm bald Unterthanenland, bald ein Glied der 3 Bünde ist, und zum anderen Teil direkt unrichtig oder willkürliche Hypothese. Köstlich für einen bündnerischen Leser ist die Schilderung des „Hauses im Hochgebirge”. Allerdings hat der gute Mann etwas gesehen, das dem, was er beschreibt, ähnlich sieht; nur hat er nicht Häuser gesehen, sondern – Bergställe. Was der Gewährsmann des „Schwäbischen Merkur” für das zweite Stockwerk ansah, ist der Raum für's Heu, auf dem während der Heuernte allerdings einzelne Glieder der Familie die Nacht zubringen. Dass im Bergell Mensch und Tier in einem Raume zusammen wohnen, die Fenster keine Scheiben haben, ist pure Erfindung. Hat der wackere „Alpenwanderer” Maiensässhütten für Wohnhäuser angesehen? Das werden wohl die Häuser ohne Kamine und Fenster sein! Alles andere Berichtete ist lächerliches Geschwätz. Die Ruinen von Bauernhütten hat auch nur der Alpenwanderer des „Schwäbischen Merkur” gesehen.
Die Ortschaften sind zum Teil geradezu stattlich, so Vicosoprano, Promontogno, Stampa. Viele der männlichen Einwohner wandern gleich den Engadinern in der Jugendzeit aus und kehren im Alter mit ihren, oft grossen Ersparnissen in die Heimat zurück, um sich da ein schönes Heim zu gründen.
Wie arg die Armut im Bergell ist, mögen folgende Zahlen beweisen, die ich der Steuerliste entnehme. Es besassen Vermögen: Bondo mit 298 Einwohnern 1,241,200 Fr. (pro Einwohner 4260 Fr.), Casaccia mit 96 Einwohnern 232,700 Fr. (2234 Fr.), Castasegna mit 238 Einw. 1,780,400 Fr. (7480 Fr.), Soglio mit 338 Einw. 411,200 Fr. (2116 Fr.), Stampa mit 580 Einwohnern 3,276,400 Fr. (5649 Fr.), Vicosoprano mit 339 Einw. 2,027,500 Fr. (5980 Fr.). Dazu kommt noch das Erwerbseinkommen. Sind das die Leute, die mit ihren Haustieren die Wohnung teilen müssen? Wir wollen den Bergellern natürlich nur Gutes nachreden; aber das werden uns dieselben nicht zürnen, wenn wir vermuten, es dürfte im Bergell noch wesentlich mehr Vermögen liegen, als obige Zahlen angeben.
Doch genug, es ist dem „Alpenwanderer” durch meine Ausführungen schon zu viel Ehre angethan worden. Dieselben wollen aber verhüten, dass eine ansehnliche, wohlhabende Thalschaft so leichtfertig diskreditiert und die ganze Bevölkerung geradezu in grober Weise beleidigt wird.
„Länder- und Völkerkunde” nennt sich das Machwerk. Bewahre uns der Himmel davor, dass solche Litteraten zu oft zum Volke sprechen; es wäre schlimm bestellt, wenn es aus derartig trüben Quellen schöpfte. Herr Alpenwanderer, gehen Sie in sich und  – – Sie erraten wohl, was ich meine!!

 

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Roger Fayet

Stampa e la Bregaglia hanno rappresentato il punto di riferimento e di collegamento continuo fra quattro tra i più importanti artisti svizzeri: Giovanni, Augusto, Alberto e Diego Giacometti. Questa costellazione storica, con l’atelier ad oggi conservato e la collezione di tele nella Ciäsa Granda, offrono l’opportunità unica di presentare ad un largo pubblico l’opera bregagliotta di tutti e quattro questi artisti. L’Istituto svizzero di studi d’arte (SIK-ISEA) vede questa iniziativa con grande simpatia e si rallegra di sostenere dal punto di vista scientifico le attività per la realizzazione del Centro Giacometti.

Dr. Roger Fayet, direttore dell’Istituto svizzero di studi d’arte, Zurigo, 25.5.12